Werke bis 1805  12




Im Mittelpunkt steht Tell, dessen Friedfertigkeit in der berühmten Apfelschuss-Szene III, 3, in der er erstmals ganz konkret mit der Herrschsucht Geßlers konfrontiert wird, allmählich umschlägt: Hören wir Heinrich George und Fritz Rasp in dieser urdramatischen Szene:


>>>O-TON: "... Der Apfel ist gefallen!"


Wie geht es weiter? Tell gelingt die Flucht aus dem Gefängnis, sodass er um die Sicherheit seiner Familie fürchten muss. Wie anders als durch die Tötung Geßlers kann er die Bedrohung jetzt noch abwenden?

 

Warum aber hatte er Geßler nicht schon umgebracht, als dieser ihm befahl, auf das Haupt seines Sohnes zu zielen? Vielleicht hätte er sich damit selbst gefährdet - vielleicht auch nicht.

 

Natürlich wäre er auch bedroht gewesen, wenn er den Sohn getroffen hätte; dann hätte es zunächst zwei Tote gegeben, und vielleicht wäre der Todesschütze von Geßlers Handlangern festgenommen worden. - Alles wohl erwogen: Wenig spricht - vom theatralischen Effekt einmal abgesehen - für den Apfelschuss.

 

Und da Schiller offenbar mit diesem Einwand rechnete, konzentriert er das folgende Geschehen auf die befreiende Tat in der hohlen Gasse. Es sollte keiner weiteren Begründung bedürfen, dass Geßler, der sich so deutlich als Bösewicht gezeigt hatte, sterben muss.

 

Tell schießt den tödlichen Pfeil ab, um seine Familie zu schützen - und löst die Revolution aus. Mit dem Volk aber, das ihn als Helden feiert, wird er auch in Zukunft nichts zu tun haben.

 

Schiller schrieb kein revolutionäres und kein antirevolutionäres Stück, aber eines der ihm gemäß gewordenen Geschichtsauffassung, wonach der Fortschritt, wenn es ihn denn gibt, in der Rückwendung zur Vergangenheit besteht.

 

Doch wie schon in der Figur des Königs Karl in der "Jungfrau von Orleans", kann auch im "Tell" das ständig beschworene gute Alte nicht wiederhergestellt werden.

 

Der Einzeltäter Tell unterläuft die Pläne der Vielen. Und während die Rütli-Verschwörer, allen voran Stauffacher, fast formelhaft an die gute alte Zeit erinnern, kommt Tell kein einziges Mal der Gedanke an das, was einmal war. Er will Sicherheit in der Gegenwart und für die Zukunft, und wenn seine Tat anderen nützt, ist ihm das nur recht.



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