Jugendwerke  2




Als der inkognito nach Hause zurückkehrende Karl von diesen Vorgängen erfährt, beschließt er, den Bruder zu töten, der ihm jedoch mit Selbstmord zuvorkommt.

 

Zu einem Happy End der Franz-Opfer kommt es aber nicht: Der alte Moor stirbt, als er von der Räuber-Karriere seines Sohnes erfährt, Amalia erbittet, weil sie die Tragik seiner Schuldverstrickung erkennt, von Karl den Freitod und Karl selbst liefert sich in Einsicht seiner Fehltaten der Justiz aus.

 

All das klingt natürlich höchst unwahrscheinlich und man kann sich eigentlich kaum vorstellen, in den Strudel der Ereignisse tatsächlich hineingezogen zu werden. Doch ist der Effekt der "Räuber" in jeder gelungenen Aufführung immer wieder außerordentlich. Denn es geht Schiller gar nicht um Wahrscheinlichkeit, sondern vielmehr um das Dramatische an sich, das vor allem eine spannende Handlung verlangt - die nicht unbedingt plausibel sein muss - sowie eine Sprache, die die Wirklichkeit übersteigt und gerade in der Unwahrscheinlichkeit des Geschehens eine Stütze findet.

 

Das Publikum soll sich von der Handlung lösen können, damit es seine Aufmerksamkeit auf das richten kann, w a s gesagt und w i e gesprochen wird. - Womit sich Schiller ein Forum schafft, fünf Akte hindurch seine tatsächlich erfahrenen oder bloß angelesenen Ansichten über Gott und die Welt öffentlich auszusprechen - so allgemein, dass sich jede Zeit in dem Gesagten wiederfinden kann.

 

Rationalisten werden dabei kaum auf ihre Kosten kommen: Das Pathos, mit dem sittliche Forderungen gestellt (aber nicht erfüllt) werden, die Entschiedenheit, mit der eine metaphysische Ordnung behauptet (aber nicht gezeigt) wird; die Gewalt des Spiels zwischen Leben und Tod (ohne ästhetische Legitimation) - all das vermittelt einen Genuss, der durch Reflexionen gefährdet werden kann.

 

Die "Räuber" leben von rhetorischen Aufschwüngen, barock anmutendem theatralischem Pomp und Schauereffekten. Aber sie gewinnen ihre überdauernde Wirkung durch die ‚Wahrheit' des gesprochenen Worts, die unabhängig von den moralischen Qualitäten der Sprechenden besteht - als Philosophie des Autors.



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