AN JOHANN WOLFGANG VON GOETHE
Jena den 23. Aug. 94. [Samstag]

Man brachte mir gestern die angenehme Nachricht, daß Sie von Ihrer Reise wieder zurückgekommen seyen. Wir haben also wieder Hofnung, Sie vielleicht bald einmal bey uns zu sehen, welches ich an meinem Theil herzlich wünsche. Die neulichen Unterhaltungen mit Ihnen haben meine ganze IdeenMaße in Bewegung gebracht, denn sie betrafen einen Gegenstand, der mich seit etlichen Jahren lebhaft beschäftigt. Ueber so manches, worüber ich mit mir selbst nicht recht einig werden konnte, hat die Anschauung Ihres Geistes (denn so muß ich den TotalEindruck Ihrer Ideen auf mich nennen) ein unerwartetes Licht in mir angesteckt. Mir fehlte das Objekt, der Körper, zu mehreren speculativischen Ideen, und Sie brachten mich auf die Spur davon. Ihr beobachtender Blick, der so still und rein auf den Dingen ruht, setzt Sie nie in Gefahr, auf den Abweg zu gerathen, in den sowohl die Speculation als die willkührliche und bloß sich selbst gehorchende Einbildungskraft sich so leicht verirrt. In Ihrer richtigen Intuition ligt alles und weit vollständiger, was die Analysis mühsam sucht, und nur weil es als ein Ganzes in Ihnen ligt, ist Ihnen Ihr eigener Reichthum verborgen; denn leider wißen wir nur das, was wir scheiden. Geister Ihrer Art wißen daher selten, wie weit sie gedrungen sind, und wie wenig Ursache sie haben, von der Philosophie zu borgen, die nur von Ihnen lernen kann. Diese kann bloß zergliedern, was ihr gegeben wird, aber das Geben selbst ist nicht die Sache des
Analytikers sondern des Genies, welches unter dem dunkeln aber sichern Einfluß reiner Vernunft nach objektiven Gesetzen verbindet.
[...]
Aber ich bemerke, daß ich anstatt eines Briefes eine Abhandlung zu schreiben im Begriff bin - verzeyhen Sie es dem lebhaften Interesse, womit dieser Gegenstand mich erfüllt hat; und sollten Sie Ihr Bild in diesem Spiegel nicht erkennen, so bitte ich sehr, fliehen Sie ihn darum nicht.
[...]
Es wäre nun doch gut, wenn man das neue Journal ["Die Horen"] bald in Gang bringen könnte, und da es Ihnen vielleicht gefällt, gleich das erste Stück deßelben zu eröfnen, so nehme ich mir die Freiheit, bey Ihnen anzufragen, ob Sie Ihren Roman ["Wilhelm Meisters Lehrjahre"] nicht nach und nach darinn erscheinen laßen wollen? Ob und wiebald Sie ihn aber auch für unser Journal bestimmen, so würden Sie mir durch Mittheilung deßelben eine sehr große Gunst erzeigen. Meine Freunde, so wie meine Frau empfehlen sich Ihrem gütigen Andenken, und ich verharre hochachtungsvoll
Ihr
gehorsamster Dr
FSchiller.




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