AN CHARLOTTE VON LENGEFELD
[Weimar, etwa 16.-20. März 1788]


Sie können Sich nicht herzlicher nach Ihren Bäumen und schönen Bergen sehnen, mein g. Fräulein, als ich - und vollends nach denen in Rudelstadt, wohin ich mich jezt in meinen glücklichsten Augenblicken im Traum versetze. Man kann den Menschen recht gut seyn und doch wenig von ihnen empfangen; dieses glaube ich ist auch Ihr Fall, jenes beweist ein wohlwollendes Herz, aber das leztere einen Karakter.

Edle Menschen sind schon dem Glücke sehr nahe, wenn nur ihre Seele ein freyes Spiel hat; dieses wird oft von der Gesellschaft (ja oft von guter Gesellschaft) eingeschränkt, aber die Einsamkeit gibt es uns wieder und eine schöne Natur wirkt auf uns wie eine schöne Melodie. Ich habe nie glauben können, dass Sie in der Hof= und - - [Auslassungszeichen] Luft sich gefallen; ich hätte eine ganz andre Meinung von Ihnen haben müssen, wenn ich das geglaubt hätte. Verzeyhen Sie mir, so eigenliebig bin ich, dass ich Personen, die mir theuer sind, gerne meine eigene Denkungsart unterschiebe.

Heute würde ich mir die Erlaubniß von Ihnen ausbitten, Sie besuchen zu dürfen, aber ich bin schon von gestern her engagiert, eine Parthie Schach an Frau von Koppenfels zu verlieren. Wie sehr wünschte ich nun, dass Sie eine Besuch=Schuld an sie abzutragen hätten, und dass Ihr Gewißen sie antriebe, es heute zu thun. Die Tage haben für mich einen schönen Schein, wo ich hoffen kann, Sie zu sehen und schon die Aussicht darauf hilft mir einen traurigen ertragen. Von Wolzogen habe ich gestern einen Brief erhalten, der jezt in dem traurigen Stuttgardt die angenehmen Stunden in der Erinnerung wiederhohlt, die er - und vorzüglich In Rudelstadt - genoßen hat.
An Fr. v. Kalb habe ich von Ihnen eine Empfehlung bestellt. In das Stammbuch will ich morgen schreiben. Leben Sie recht wohl.

Schiller

 




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