BURKHARD MÜLLER:
Die Gipsbüste zum Menschen wachgeküsst


 

Jetzt ist also Schiller dran. Die alte nationale Vereinnahmung muss man nicht mehr fürchten, denn das Nationale hierzulande ist friedfertig bis zur Vertrottelung geworden. (Das heißt, wenn nicht gerade ein Fußballländerspiel ansteht, bei dem doch noch das ein oder andere Nasenbein zu Bruch gehen kann). Was ihm jedoch noch gefährlicher als Kant und Adorno werden könnte, das ist der Privatmann, der bei ihm so unvergleichlich viel mehr hergibt. An ihn wird man sich halten und das Jubiläum in seiner arithemtischen Zufälligkeit so begehen, wie wenn ein neuer Nachbar zugezogen wäre: Man macht gute Miene zum Unvermeidlichen, man tratscht über ihn, doch ohne Bosheit, und findet ihn eigentlich ganz nett, ein bisschen verschroben vielleicht.


Das hat es zu bedeuten, wenn er auf einmal als "Idealist" gewürdigt wird. Vom Idealisten existieren zwei Begriffe, die ineinander verfließen. Auf der einen Seite steht die strenge, systematische Denkungsart Platons und der deutschen Philosophen; sie ist wohl weitgehend historisch geworden und hat sich erledigt. Schiller hat ihr nahe gestanden, ohne je eigentlich dazuzugehören. Aber nicht dieser Aspekt steht im Vordergrund. Idealist ist zweitens wohlwollende Bezeichnung für den Unpraktischen, der ans Gute im Menschen glaubt und daher häufige Entttäuschungen erlebt; für den Hans-guck-in-die-Luft, der den Wolken nachsieht und dabei in den Kanal fällt, wo ihn mitleidige Seelen herausfischen müssen. Man weiß die Güte dieses Menschen zu schätzen; aber man nimmt sie nicht wirklich ernst und schon gar nicht vorbildlich, weil sie durch ihre Lebensfremdheit, ihr mangelndes Urteilsvermögen ein wenig lädiert wirkt und zum Schmunzeln verleitet.



Im "Idealisten" soll die Gipsbüste zum Menschen wachgeküsst werden; nicht zu ihrem Vorteil. Man will damit, bei aller Sympathie, die Größe so klein wie möglich halten. Ein sinnfälliges Beispiel dafür bot unlängst der "Spiegel", der sich entschlossen hatte, die Neuigkeiten der Woche zu überspringen und dafür Schiller aufs Titelblatt zu setzen. Sein rotblondes Haar war effektvoll zur Flammenlohe umgekämmt. So will man ihn haben: als Feuerkopf, als Struwwelpeter des Ideals. Es wird zur schrillen und doch netten Marotte wie ein Punkerschnitt, hübsch anzusehen, auch wenn man sich selbst nie so frisieren würde.


Schiller jedoch, das setze ich voraus, bleibt eine Größe; eine in vieler Hinsicht problematische Größe. Die Tradition ist durchlöchert, fast nichts an ihr versteht sich mehr von selbst; die Kanondiskussion der letzten Jahre war der verzweifelte Versuch, einen geplatzten Luftballon wieder zusammenzukleben. Die Huldigung ist als Haltung der Rezeption an ihr Ende gelangt. Es muss einer schon gute Gründe beibringen, warum man diesen Autor jetzt wählen sollte, und was von ihm. Wählen ist ein freier Akt, aber ein gewichtiger.


Wer die Frage stellt, was uns Schiller heute bedeuten kann, muss sich mit zwei Fakten auseinandersetzen, von denen die Geltung dieses Autors bedroht und beeinträchtigt wird: die zeitgenössische Schwäche des Theaters; und die allgemeine Theoriemüdigkeit, oder nennen wir sie, um nicht den milden und falschen Eindruck einer Ermattung nach getaner Tat zu erwecken, lieber gleich Theoriefaulheit. Dem sollte man ins Auge sehen; und dann Mut zum zweiten Schritt sammeln, nämlich zuzugeben, dass es unser Manko ist und nicht dasjenige Schillers, wenn wir vor so Vielem, was er geschrieben hat, einigermaßen ratlos und unbehaglich stehen. Denn dass man schärfer denken sollte als es heutzutage meistens geschieht, und dass die Bühne nicht annähernd die Wirkungen erzielt, die der Höhe ihrer Subventionen entspräche, das empfinden wir, glaube ich, sehr wohl. Es ist in beidem, im Denken und im Theatralischen, bei Schiller dasselbe Sprachfeuer am Werk, ein Feuer des Hirns und nicht des Haarschnitts; ein Feuer, das ihn verbrennt und ihm ein frühes Ende bereitet. Im Ringen von Kalkül und hingerissener Fahrlässigkeit gelangt es zu Resultaten, durch die es sich oft selbst in Erstaunen setzt. Manche dieser Resultate sind von der bedenklichsten Art. Aber nicht daran liegt es, wenn dieses Feuer heute nicht fängt; sondern es fällt in eine nasse Epoche.

Burkhard Müller



Auszug aus dem Essay: Der König hat geweint.

Schiller und das Drama der Weltgeschichte. Zu Klampen 2005.

 

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