Abb.: Sammlung Hauschild




JAN-CHRISTOPH HAUSCHILD:
Wir wollen auch vom Schiller-Jahr profitieren


Protokoll einer Talkshow

 

 

MODERATOR: Am 9. Mai jährt sich sein Todestag zum 200. Mal. Was glauben Sie: Läßt sich Friedrich Schiller erfolgreich wiederbeleben?

 

A: Also auf der Bühne ist er lebendig wie eh und je. Wenn ein Schiller-Stück auf dem Spielplan steht, sind die Theater immer voll.

 

B: Vielleicht, weil die Leute ausgestopft sind und mit zur Inszenierung gehören? Ich fürchte, junge Leute gehören nicht unbedingt zu Schillers Klientel. Die Inhalte seiner Stücke interessieren sie einfach nicht. Der Held und seine Welt im tragischen Konflikt. Geblütswallungen, Gefühlsausschwitzungen, patriotische Ergüsse am laufenden Meter. Wen interessiert das?

 

A: Solche Vorbehalte und Vorurteile gibt es in allen Altersgruppen, und meist zu Unrecht. Bei Schiller denken zum Beispiel viele an die drei großen R, Republikanisch, Rationalistisch, Revolutionär. Linker SPD-Flügel gewissermaßen. Und wenn sie dann im Theater sitzen, merken sie, daß das eigentlich alles gar nicht stimmt.

 

B: Genau. Eher – FDP.

 

C: Und selbst wenn es nicht so wäre, würde es auch nichts nützen. Die Achtundsechziger sind inzwischen selber Achtundsechzig und gucken sich Theater lieber im Fernsehen an. Machen wir uns doch nichts vor, die Deutschen sind mehrheitlich Kunstbanausen. Theater und Museen mögen sie nicht besonders, dafür sind sie verrückt nach Wasser, Sonne und Freizeitparks. Hauptsache, sie werden korrekt und fair behandelt. Und wenn nicht, dann verlangen sie sofort Schadenersatz, denn sie haben alle eine Rechtsschutzversicherung.

 

MODERATOR: Liegt das Problem nicht auch darin, daß die Stücke sehr geprägt sind von deutschem Tiefsinn, deutschem Denkerschmerz und deutscher Gemütlichkeit? Auch wenn sie in Genua oder Böhmen spielen?

 

B: Wäre ich Betriebswirtschaftler, würde ich sagen, daß das Schiller-Produktprofil ein bißchen schmal ist. Zwei Klatschgeschichten über das spanische und über das englische Königshaus, nämlich "Don Carlos" und "Maria Stuart"; zwei große Kriminalfälle, "Die Räuber" und "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua"; und eine Sexreportage, "Die Jungfrau von Orleans". Die Schiller-Zielgruppe wird von BUNTE einfach besser bedient.

 

C: Und Schiller als Person wird auch nicht gerade sehr spannend vermarktet. Was ich kenne, ist öde und dröge. Und in einer Sprache verfaßt, dagegen sind die Beipackzettel meiner Insulin-Spritzen geradezu Psychothriller. Dabei hat Schiller ein paar ganz schön aufregende Sachen erlebt.

 

B: Er war ja auch ein ziemlich schräger Typ.

 

A: Alle große Kunst wird von exzentrischen Charakteren hergestellt.

 

MODERATOR: Ich möchte Sie bitten, sich für einen Moment vorzustellen, er sei nicht gestorben. Wo wäre sein Platz, lebte er heute unter uns?

 

B: Jedenfalls nicht an meiner Seite. Oder möchten Sie vielleicht neben einem zweihundertjährigen Schwaben sitzen?

 

A: Oh, das wäre fabelhaft. Aber leider hat das unerbittliche Schicksal am 9. Mai 1805 sein fürchterliches Nein gesprochen.

 

C: Schmerz beiseite. Es jährt sich außerdem zum 65millionsten Mal, daß der letzte Saurier von der Erde verschwand.

 

MODERATOR: Der letzte Saurier?

 

C: Ja. 65 Millionen Jahre ist das her. Ich glaube, es war ein weiblicher Pterodactylus. Schiller ist auch so ein ausgestorbener Gigant. Tot und irgendwie – versteinert.

 

A: Papperlapapp, versteinert. Eine Ikone der Weltkultur ist er. Ein Vorzeigedichter ersten Ranges. Um es in einem Satz zusammenzufassen: Die Idee der Freiheit durchzieht jedes Stück, prägt jeden zweiten Satz, jeden Gedanken bei Schiller.

 

C: Mag sein. Aber bloß als Phantomschmerz. Phantome der Freiheit, zu mehr hat es bei Fritze Schiller nicht gereicht. Ein gähnendes Nichts, ein Rausch ohne Trunkenheit, der Schatten einer Null, der Traum eines Flohs, ein Gedicht von Durs Grünbein!

 

A: Ja, so ergeht es allen wahren Dichtern: Sie werden gehaßt und angefeindet. Wie dichtete doch unsere große volkstümliche Dichterin Friederike Kempner, im Angesicht von Schillers Denkmal:

 

Hast erhoben die Nation,

Großer deutscher Volkessohn.

Klein im Leben war dein Lohn,

Kleiner noch in Gips und Ton."

 

MODERATOR: Bleiben wir doch für einen Moment bei Schiller, dem Freiheitsdichter. Mutig trotzte er den deutschen Fürstenthronen". So steht es in jedem Schulbuch.

 

C: Jaja, sehr mutig. Zum Beispiel "Wilhelm Tell". Ein schwäbischer Schriftsteller schreibt in Thüringen über die Ermordung eines österreichischen Tyrannen in der Schweiz. Sehr mutig.

 

B: Hat schon einmal jemand darüber nachgedacht, daß Schillers Dramen nichts anderes sind als theatralisch aufgeputzte Straftatbestände? Das reicht von Bagatelldelikten wie übler Nachrede und verschiedenen Ordnungswidrigkeiten bis hin zu schwerer Brandstiftung und Angriffen gegen Leib und Leben.

 

A: Das meinen Sie doch nicht ernst.

 

C: Es wimmelt förmlich von Dieben, Räubern, Vergewaltigern, Totschlägern, Mördern. Da kommt einiges an Freiheitsstrafe zusammen. Wären wir in Texas, ein paar Dutzend Todesurteile.

 

A: Lächerlich.

 

C: Soll ich es Ihnen aufzählen Stück für Stück? Voilà: "Die Räuber": Verleumdung, Urkundenfälschung, Gründung einer kriminellen Vereinigung, versuchter Mord, Vergewaltigung, Diebstahl, Raub, schwere Brandstiftung, Tötung auf Verlangen. "Fiesco": Verschwörung gegen die freiheitliche Ordnung, versuchter Mord –

 

MODERATOR: Genug!

 

C: – Anstiftung zum Mord, Vergewaltigung, Totschlag. "Kabale und Liebe": Mord –

 

MODERATOR: Genug! Es reicht!

 

C: "Wilhelm Tell" –

 

A: Kann ich mir schon denken. Brandstiftung, schwere Körperverletzung, Nötigung in einem besonders schweren Fall, Totschlag –

 

B: Wo nicht sogar Mord.

 

MODERATOR: Es steht Ihnen frei, Aufführungen von "Wilhelm Tell" zu verbieten.

 

C: Hab ich versucht. Spaßeshalber.

 

A: Sie haben... Sie haben Schiller – vor Gericht gezerrt?

 

C: Beruhigen Sie sich. Mein Antrag auf einstweilige Anordnung wurde bereits in der Ersten Instanz zurückgewiesen. Artikel 5 des Grundgesetzes schützt selbst solche Kunstwerke, deren ethische Substanz fragwürdig ist.

 

A: Fragwürdig? Schiller und fragwürdig? Das einzige, was hier fragwürdig ist, sind Sie!

 

MODERATOR: In den meisten Theaterstücken geht es um Kapitalverbrechen. "Oedipus", "Hamlet", "Woyzeck"... Bis heute ist das so.

 

C: Ich wollte nur einmal darauf hingewiesen haben.

 

B: Ich finde, wir reden schon ziemlich lange über "Wilhelm Tell".

 

A: Das ist kein Wunder, denn das Stück provoziert bis heute. Ein fabelhaftes Stück.

 

B: Der Grund ist wohl eher die simple Schwarzweißmalerei. Die kapiert jeder. Auf der einen Seite Papa Tell, der Jäger und Sammler aus dem Hinterwald, auf der andern Seite der finstere Geßler auf hohem Roß. Geßler quält Tell bis aufs Blut, und prompt rastet er aus. Der bewaffnete Arm Gottes.

 

C: Mir kommt er eher vor wie ein Desperado. "Das Gesetz bin ich".

 

B: Was ihn auch für Hollywood interessant gemacht hat. Dort hat man den "Tell" unter dem Titel: "Ein Mann sieht rot" verfilmt, mit Charles Bronson als Tell.

 

Through this ravine he needs must come. There is

No other way to Kussnacht. Here I‘ll do it!

Now, Gessler, balance thine account with Heaven!

 

A: Ihre Oxfordenglisch-Version bringt mich auf etwas ganz anderes, etwas, das ebenfalls für Schiller spricht: Sein internationaler Ruhm.

 

B: Apropos international, da gibt es einen Witz, kennen Sie den? Steigt im Jahr 1941 ein Deutscher in Paris in die U-Bahn. Sitzt da ein Franzose und liest, sagt der Deutsche: "Heil Hitler". Sagt der Franzose, ohne aufzuschauen: "Bonjour". Ärgert sich der Deutsche, aber er denkt, na ja, ein Franzose, kann eben kein Deutsch. Setzt sich hin, guckt herum, guckt sich das Buch von dem Franzosen an, steht da auf dem Umschlag: "Gedichte von Friedrich Schiller". Platzt der Deutsche heraus: "Heil Hitler können Sie nicht sagen, aber unsern Schiller, den lesen Sie!" Sagt der Franzose: "Wieso, Schiller ist ein internationaler Dichter." Sagt der Nazi: Wieso internationaler? Das ist der größte deutsche Dichter überhaupt!" "Ja", sagt der Franzose, "international, weil er hat seine Freiheitsdramen für die Völker Europas geschrieben. Sehen Sie: Für uns Franzosen "Die Jungfrau von Orleans". Für die Italiener "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua". Für die Spanier "Don Carlos". Für die Engländer "Maria Stuart". Für die Tschechen "Wallenstein". Für die Polen "Demetrius". Für die Schweizer "Wilhelm Tell". Da wird der Deutsche ganz unruhig und fragt: "Und für die Deutschen? Für die Deutschen hat er wohl nichts geschrieben?" Sagt der Franzose: "Doch, doch. Für die Deutschen hat er geschrieben: ‚Die Räuber‘".

 

MODERATOR: Internationaler Ruhm. Das war unser Stichwort.

 

A: Keine Frage, Schiller ist bekannt und beliebt im Ausland. Da gibt es überhaupt nichts, wofür man sich als Deutscher schämen müßte, weder was das Werk noch was die Person betrifft.

 

C: Keine Weibergeschichten, wie bei Heine?

 

A: Bedaure.

 

C: Kein Glücksspiel, wie bei Lessing?

 

A: Nein.

 

C: Keine harten Drogen, wie bei Novalis?

 

A: Ein echtes Vorbild für die Jugend.

 

C: Eine bedauernswerte Existenz.

 

B: Den Nobelpreis hätte er trotzdem nicht bekommen.

 

A: Darin stimme ich Ihnen ausnahmsweise zu. Den Nobelpreis kriegen immer zweitrangige Schriftsteller. Hat ihn Hermann Burger bekommen? Nein, Günter Grass.

 

B: Ihr Lieblingsdichter Thomas Mann hat ihn allerdings auch bekommen.

 

A: Da hatten sie eine einsame Sternstunde in Stockholm... Wissen Sie übrigens, was Thomas Mann und Friedrich Schiller gemeinsam haben?

 

B: Ich glaube, sie waren beide Schriftsteller.

 

A: Ganz recht, aber das meine ich nicht. Ich werde es Ihnen sagen: Sie waren beide in Weimar.

 

MODERATOR: Thomas Mann war doch bloß zu Besuch in Weimar! Einen Tag! Auf Einladung der DDR-Regierung! Schiller hat da jahrelang gewohnt!

 

A: Genau darauf wollte ich hinaus. Schiller hat drüben, also in Ostdeutschland, gewohnt, obwohl er in Marbach, in Westdeutschland, geboren ist. Er ist also einer der ersten deutsch-deutschen Schriftsteller. Denken Sie mal an die unzähligen politischen Anspielungen:

 

Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,

Und neues Leben blüht aus den Ruinen!

Seid einig– einig– einig!

 

C: Nicht zu vergessen die Namen der Akteure: Hans auf der Mauer... Pfarrer Eppelmann...

 

A: Pfarrer Rösselmann. Oder dies:

 

Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern

In keiner Not uns trennen und Gefahr!

 

Und schließlich jene Devise, mit der alles anfing in Leipzig 89: "Wir sind ein Volk!" Ja, das ist von Friedrich Schiller gewesen.

 

C: Fritz at his best.

 

A: Ich sag Ihnen was, dieser Friedrich Schiller hat die deutsche Einheit in mancher Hinsicht mit vorbereitet. Das ist auch ganz normal und selbstverständlich. Es gab ja nicht nur Trennendes, wie immer behauptet wird. Es gab die deutschsprachige Literatur, und es gab den gesamtdeutschen Sport. Zum Beispiel bei der Olympiade, beim Medaillenspiegel–

 

MODERATOR: Sie meinen die Olympischen Spiele.

 

A: Das sagte ich doch.

 

MODERATOR: Sie sagten Olympiade.

 

A: Olympiade, Olympische Spiele, Olympia; das ist doch alles dasselbe.

 

MODERATOR: Nicht dasselbe, nicht einmal das gleiche, sondern ganz verschiedene Dinge. Die Olympiade ist der Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen. Mit Verlaub.

 

A: So.

 

B: Wie der Busen ja den Raum zwischen den Brüsten bezeichnet, nicht die Brüste selbst. Das wissen die wenigsten Männer, obwohl sie ständig damit beschäftigt sind.

 

MODERATOR Hmm... Kommen wir zu unseren Buchempfehlungen. Wie heißen Ihre persönlichen Favoriten?

 

B: Ich möchte ein Schiller-Stück aus dem Nachlaß empfehlen, Demetrius. Die Handlung ist schnell erzählt. Demetrius ist der jüngste Sohn des Zaren Iwan der Schreckliche. Er wird im Alter von 8 Jahren ermordet. Zwölf Jahre später taucht ein junger Mann auf, der behauptet, Demetrius zu sein. Mit Unterstützung des polnischen Adels fällt er in Rußland ein und erobert den Thron. Der oberste Woiwode gibt ihm seine Tochter zur Frau, Marina, die ihn aber nicht liebt. Am Tag seiner Hochzeit wird Demetrius ermordet. Damit endet das Stück. Leider hat Schiller nur wenige Szenen geschafft. Es ist ein Fragment.

 

A: Ich glaube, Schiller hatte keine Lust mehr.

 

B: Schiller ist darüber gestorben.

 

A: Ich an seiner Stelle hätte jedenfalls keine Lust mehr gehabt. Dieser falsche Sohn Iwans des Schrecklichen... Polen, die in Rußland einfallen... Wissen Sie, daß es in Rußland sehr kalt sein kann? Das hat schon Napoleon zu spüren gekriegt. Und nach ihm dieser andere, der mit dem Schnauzbart, dieser Dingsbums, mit der Hitlerfrisur. Ein schönes Drama hat drei oder fünf Akte und spielt in Deutschland und handelt von Menschen, nicht von Woiwoden und Zaren oder Möwen und Nashörnern.

 

MODERATOR: So, das war also Ihr Vorschlag. Und Sie, was empfehlen Sie?

 

C: Vorab: Schiller liegt mir nicht. Ich glaube, wenn ich ihm mal begegnet wäre, ich hätte ihn nicht sympathisch gefunden.

 

MODERATOR: Welcher Schriftsteller war als Mensch schon sympathisch?

 

B: Hmm... Matthias Claudius vielleicht?

 

A: Nein, der war auch nicht sympathisch. Er hat Goethes "Werther" verrissen. Das war nicht nett.

 

B: Dann eben Walther von der Vogelweide.

 

A: Aber auch nur vielleicht! Und warum? Weil wir über den nichts wissen. Also besteht zumindest die Möglichkeit, daß er sympathisch war. Wenn wir doch was über einen Dichter wissen, dann ist er unsympathisch. Claudius, Heine, Thomas Mann, Bert Brecht, Martin Walser: alle äußerst fragwürdig und unsympathisch. Wären sie sympathisch, müßten sie nicht schreiben! Dann könnten sie in Cafés rumsitzen und junge Frauen in anzügliche Gespräche verwickeln. Oder meinetwegen auch in Diskotheken gehen und Mädchen abschaufeln, wie man heute zu sagen pflegt.

 

C: Es heißt anbaggern.

 

A: So, tun Sie das auch? Sie sind ja ein ganz Schlimmer!

 

C: Wenn Sie gestatten, möchte ich jetzt etwas zu dem Drama "Maria Stuart" sagen.

 

MODERATOR: Bitte.

 

C: Nicht, weil es mir etwa besonders gut gefällt. Im Gegenteil. Maria ist die Königin von Schottland, die nach zwanzigjähriger Gefangenschaft im Jahr 1587 durch Elisabeth von England hingerichtet wird. Eine aufregende Zeit, das ausgehende 16. Jahrhundert. Es war die Zeit der englischen Wirtschaftsblüte, der Vorherrschaft zur See und der kolonialen Expansion. Es formierte sich eine frühkapitalistische Bourgeosie, wobei auch der Adel in die ökonomischen Entwicklungen verflochten war. Elisabeth praktizierte damals eine eigentümliche Mischung von Renaissance-Absolutismus und Parlamentarismus, der sich seinerseits im Übergang von mittelalterlicher Ständekammer zu moderner, breiter angelegter Repräsentation befand.

 

MODERATOR: In Schillers Stück findet sich davon aber nichts.

 

C: Das ist es ja. Es ist überhaupt nicht zu begreifen, wieso das nicht vorkommt. Ich habe mit ein paar Fachleuten für englische Geschichte gesprochen, Sir Gordon Banks, Professor Geoffrey Hurst, die konnten sich auch nicht erklären, wieso das fehlt. Ich glaube, der Schiller hatte einfach keine Ahnung. Der war steindumm. Und selbst, wenn man das Stück nur als Stück liest, bleibt es immer noch grottenschlecht und albern.

 

A: Lieber Freund, ich glaube, Sie haben im großen und ganzen recht. Das Stück, Maria Stuart von Friedrich Schiller, ist wirklich mißraten. Es ist außerordentlich realitätsfern, gänzlich unpolitisch, vollkommen manieristisch, und was Sie sonst noch alles ausgeführt haben. Gestatten Sie mir nur eine unbedeutende Ergänzung. Es ist ein fabelhaftes Stück. Zwei dämonische Frauen, jede privat und politisch zugleich, als Vertreterinnen politischer Weltkräfte, Katholizismus und Protestantismus nämlich, kämpfen um die Macht. Jede von ihnen kriegt einen Liebhaber an die Seite gestellt, die Elisabeth den Leicester und die Maria den Mortimer. Fünf Akte, prallvoll mit Liebe, Haß, Macht, Sexualität, Gefängnis, Mord, sogar mit dem Hackebeilchen.

 

MODERATOR: Hackebeilchen?

 

A: Na, dieses Dingsda. Bouillon, Guilloche, oder wie das zu Schillers Zeiten hieß. Jetzt reiten Sie doch nicht auf Nebensächlichkeiten rum! Darf ich jetzt endlich mein Lieblingsstück vorstellen?

 

MODERATOR: Darum wollte ich Sie gerade bitten.

 

A: Ich möchte über "Kabale und Liebe" sprechen. Für mich das glänzendste Stück Schillers. Übersichtlich strukturiert, leicht verständlich, relativ kurz.

 

C: Kleiner Nachteil: die Dialogform.

 

A: Blödsinn. Man kann an diesem Stück die außerordentliche Gestaltungskraft von Schiller studieren. Nehmen Sie nur die Handlung. Sie ist einfach fabelhaft und fabelhaft einfach. Ferdinand ist verliebt in Luise. Ferdinands Vater ist gegen eine feste Beziehung; er will, daß Ferdinand eine ehemalige Geliebte seines Chefs heiratet. Um sie auseinanderzubringen, wird Luise gezwungen, einen Liebesbrief an einen andern zu schreiben, der Ferdinand eifersüchtig machen soll (der Brief, versteht sich). Die Intrige läuft wie geschmiert, Ferdinand bringt erst Luise und anschließend sich selbst um.– Ja, da bleibt Ihnen die Spucke weg.

 

B: Zwei Liebende, die nicht zusammenkommen können und sich am Ende im Tod vereinen... Kommt mir irgendwie bekannt vor.

 

A: Blödsinn. Beachten Sie bloß einmal die poetische Namensgebung. Das ist kein Zufall! Fer-di-nand. Drei Vokale, e, i, a. Edel, intelligent, anschmiegsam. Lu-i-se. Zwei Vokale miteinander gepaart, u und i. Lust und Liebe. Gewiß ein echter Bettschatz, diese Luise. Von den andern Personen nehme ich nur den Sekretär Wurm, den Vertrauten von Ferdinands Vater. Was für ein Name. Wurm, das ist einsilbig. Nur ein Vokal, das lange u, wie in Schurke. Wie unharmonisch das klingt, im Gegensatz zu Fer-di-nand und Lu-i-se. Und was man über den Wurm erfährt, entspricht diesem Namen. Ein ausgekochtes Bürschchen, häßlich und hinterlistig. Durch und durch verkommen. Ein Intrigant, eine Klette am Kleid der Großen, ein Dorn im Fleisch der Unterdrückten. Schmeichelnd nach oben, schmähsüchtig nach unten. Ich sehe ihn förmlich vor mir. Eine große Schlottergestalt, die aussieht, als hätte sie die Vogelgrippe erfunden. Fahles Ledergesicht mit blassen Hundeaugen, röchelnde, wimmernde Stimme, um den Mund spielt ein übelriechendes Lächeln.

 

MODERTOR: Auf der einen Seite also die Bürgerlichen, auf der andern Seite der Adel.

 

B: Bißchen simpel.

 

A: Ja, aber dann kommt etwas, was das ganze Schema wieder aufsprengt. Ferdinand ist zwar ein Adliger, aber er hat die Ansichten eines Bürgerlichen. Und es gibt den Wurm, der zwar ein Bürgerlicher ist, der sich aber verhält wie ein Adliger – intrigant eben. Man kann also sagen, sie sind Überläufer, und, weil sie sich beide um Luise bewerben, auch Gegenspieler. Das bringt Spannung in die Bude, heidewitzka! – Interessant ist ja auch, wie Luises Eltern auf den Wurm reagieren. Luises Vater spürt intuitiv, daß der Wurm Luise nicht liebt und Luise den Wurm nicht lieben kann. Luises Mutter verhält sich sogar abweisend und überheblich gegenüber dem Wurm. Sie will auf keinen Fall einen Wurm zum Schwiegersohn haben. Leider plaudert sie aus Dummheit die Beziehung zwischen Luise und Ferdinand aus, woraufhin der Wurm beleidigt abzieht und seine Kabalen spinnt. Das ist einfach genial. Eben Schiller.

 

MODERATOR: Eine hoffnungslose Liebe, die mit einem toten Liebespaar endet. Damit erinnert "Kabale und Liebe" vielleicht doch ein bißchen an "Romeo und Julia".

 

C: Genau! Kabale und Liebe. Romeo und Julia. Und dann der gemeinsame Liebestod durch Gift! Alles Shakespeare!

 

A: Jetzt werden Sie nicht kindisch. Natürlich ist alles, was gedichtet oder gesprochen wird, schon mal dagewesen.

 

MODERATOR: Im weitesten Sinne, ja. Im engeren Sinne, nein.

 

B: Es gibt ein Recht auf geistiges Eigentum!

 

A: Papperlapapp Eigentum! Die Natur kennt kein Eigentum! Sie gehört dem Dichter!

 

C: Ja, die Natur. Aber nicht die Literatur.

 

A: Zur Natur gehört auch, was die Vor- und Mitwelt geleistet hat. Also auch jede geniale Kunstschöpfung.

 

C: Und wieso werden dann Plagiatsprozesse geführt?

 

A: Ja, das weiß ich auch nicht. Ich weiß nur, daß man Texte auch als Material benutzen darf. Nur durch Aneignung fremder Schätze entsteht ein Großes. Darin weiß ich mich mit Goethe einig und auch mit Stefan George. Wenn Ihnen der Name etwas sagt.

 

B: Goethe und Stefan George! Ausgerechnet! Das ist ja wie... wie George Washington und Guido Westerwelle!

 

C: Stefan George... Jeder Vers ein Esel!

 

MODERATOR: Meine Herren! Meine Herren, wir werden uns heute nicht mehr einigen, und wir sollen und müssen uns ja auch nicht einigen. Denn, wie es so schön bei unserm großen Dichter heißt:

 

Süß ist zu sehn, wenn Gegner sich die Hände reichen;

Doch wo Versöhnung siegt, muß alle Kunst entweichen."

 

A/B/C: Was? Wo steht denn das?

 

MODERATOR: Guten Abend.

 

Jan-Christoph Hauschild

 

Alle Rechte beim Autor

Erstdruck: F.A.Z., 12. März 2005

 

 

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